Kulinarischen Audienz - Reinhard Laemmel
Zum Geburtstag des Königs Albert von Sachsen (April 1893)

Aus den Randnotizen der Koch - Kulturgeschichte - 24.03.2004

Knoblauch : Tanz der Vampire und Graf Brühl Nichts hilft gegen Knoblauchgeruch, weder mit Salzsäure gurgeln, einen Eimer Cognac trinken, bündelweise Petersilie essen oder eine Tüte Kaffeebohnen zu kauen.

Der große Romancier Dumas vermerkt 1873 in seinem Küchenlexikon, jedermann kennt Geruch und Geschmack des Knoblauchs mit Ausnahme dessen der davon gegessen hat.
Knoblauch kann ein Essen verderben, aber auch Vampire vertreiben.
Der Mythos klärt sich auf:
Wenn sich in Gruselfilmen um Mitternacht auf dem Gemeindefriedhof der Sargdeckel in einer Gruft öffnet, geht Gevatter Vampir auf Nahrungssuche. Sein Albtraum ist der bloße Anblick oder auch nur der Hauch von Knoblauch. Entsetzt flieht dann der Blutsauger, um sich anderswo ein Opfer zu suchen. Hinter dem Mythos steckt erstaunlicherweise eine biochemische Wahrheit. Vampire und Werwölfe sind keine reine Erfindung, sondern übersteigerte sinnliche Wahrnehmungen im Verlauf eines bestimmten Leidens, der Porphyrie.
Eine schlimme Erbkrankheit mit Störungen der Blutzusammensetzung. Blutarmut, Epilepsie, Blässe, starker Haarwuchs, aufgesprungene Lippen, rot verfärbte Zähne und Verstümmelungen an Fingerkuppen und Ohrläppchen sind die Folge. Zu allem Überfluss sind solche Menschen auch noch lichtempfindlich. So sehen perfekte Vampire aus. Sind Haarwuchs und Vernarbungen besonders ausgeprägt, mag auch ein Werwolf dabei herauskommen. Auffällig häufig tritt das Unheil in einsamen Gegenden auf. Aus solch einer gottverlassenen Abgeschiedenheit stammt auch die Dracula Story. Porphyrie Patienten waren arm dran und konnten sich einst nur durch trinken von Tierblut helfen, scheuten das Tageslicht und kamen erst Nachts aus ihren Häusern. Alles zusammen, Aussehen, Bluttrinken und Nachtaktivität sind der ideale Nährboden für Vampirgeschichten. Einige Schwefelverbindungen im Knoblauch stören Aufbau und Funktion des roten Blutfarbstoffes und fördern dessen Abbau. Für die meisten Menschen ein harmloser Effekt. Aber Porphyriekranke meiden rein gefühlsmäßig Knoblauch wie der Teufel das Weihwasser.
Eine grausige Entscheidung:
Am 5.6.1755 wurde auf dem städtischen Richtplatz in Dresden, dem Rabenstein, ein gewisser Herr Zeibig enthauptet. Dieser hatte in Trunkenheit einen Mitzecher ermordet.
Vor der Exekution richteten zwei Altgesellen der hiesigen Schneiderbrüderschaft an den Reichsgrafen und Premierminister Heinrich von Brühl ein Ersuchen. Darin heißt es, ihr Mitgeselle Wiedemann leide stark an Epilepsie (und wahrscheinlich an Porphyrie). Um ihm Heilung zu ermöglichen, solle Brühl gestatten, dass Wiedemann gleich nach der Hinrichtung vom Blut des Delinquenten trinken dürfe. Der Reichsgraf stimmte der Bitte zu und das Unglaubliche geschah. Wiedemann trank und sei danach fortgelaufen. Ob sein Leiden dadurch gelindert wurde ist nicht überliefert. Abstrus bleibt jedoch die Zustimmung des Grafen Brühl, derzeit mächtigster Mann in Sachsen, verwegen als Diplomat, skrupellos als Steuereintreiber und Auskenner in allen Lebenslagen.
Solche Art Spätkannibalismus fand in Sachsen aber noch Anfang des 20. Jahrhunderts statt.
Am 24. Juni 1908 berichtete der Freiberger Anzeiger über die Hinrichtung der Mörderin Grete Beier tags zuvor. Eine riesige Menschenmenge wollte dem Ereignis zusehen. Öffentliche Exekutionen zogen schon immer Spanner an und galten früher als Volksfeste. Eine ältere Frau habe die Gerichtsbeamten um eine kleine Menge Blut nach Vollstreckung des Urteils gebeten. Das Blut von Hingerichteten sei nämlich von großer Heilkraft bei Epilepsie.
Völlig aus der Luft gegriffen ist Vampirismus also doch nicht. Hätten sowohl Zeibig als auch Frau Beier vor ihrer Himmelfahrt eine handvoll Knoblauch gegessen, wäre das Grausige sicherlich nicht passiert.

Wenn Sie mehr Informationen benötigen, schicken Sie eine Email (info@kulinarische-audienz.de)

R.L.