Kulinarischen Audienz - Reinhard Laemmel
Zum Geburtstag des Königs Albert von Sachsen (April 1893)

Der Henker bittet zu Tisch - 06.05.2005

Für schwerste Vergehen sahen die Gerichte zahlreicher Länder weltweit die Todesstrafe als angemessene Buße für den Täter vor. Das war so im alten Babylon, bei den antiken Griechen und Römern, Chinesen, Orientalen, im christlichen Abendland und ist unter anderen Staaten noch heute in den USA Brauch.

In der BRD wurde die Todesstrafe 1949 (in Berlin West 1951), in Portugal 1867, in Großbritannien 1969, in Spanien 1978 und in Frankreich erst 1981 abgeschafft.
Bevor der Scharfrichter in Aktion trat, wurde es in den häufigsten Fällen dem Delinquenten erlaubt, sich sein Mahl am Abend vor der Hinrichtung selbst zusammenzustellen.
Ein wirklich besonderes Essen, es findet nur einmal im Leben statt und kostet kein Geld.
Einige Verurteilte, so erzählt die Historie, hätten sich bei der Gelegenheit beinahe zu Tode gegessen, sofern sie ihre Sinne in Anbetracht des bevorstehenden Ereignisses noch alle kontrollieren konnten.
In Frankreich beklagte sich vor gut 200 Jahren ein minderjähriger Mörder, dem hinsichtlich seines Alters die Todesstrafe erspart blieb, dass er die zum Tode Verurteilten beneiden würde.
Man brächte ihnen Schaumwein in die Zelle, serviere ihnen gebratenes Huhn und alles, was deren Gusto verlange.
Es gab gelegentlich noch andere „Vergünstigungen“, die jedoch in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gehandhabt wurden.
So die letzte Zigarette, der letzte Beischlaf oder der letzte Blumenstrauß, mit dem der Verurteilte beispielsweise in London zum Galgen schritt.
Henkersmahlzeiten sind von allen „Festgelagen“ die einzigen rechtlich verbrieften Mahlzeiten, die in ihrer grotesk umstrittenen Mischung aus Grausamkeit und selbst auferlegter Gerechtigkeit zwar archaisch anmutet, aber in wechselnden Formen die Zeit überdauert haben.
In zahlreichen Gerichtsprotokollen sind dazu teilweise skurrile Vermerke nachzulesen.
Abgesehen davon, dass öffentliche Hinrichtungen für Gastwirte schon immer finanziell „goldene“ Ereignisse waren, wegen der anstehenden Fast Food Verpflegung der gaffenden Bevölkerung, sollte man für den Verurteilten annehmen, dass angesichts des Todes sinnliche Genüsse bedeutungslos werden.
Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Die Essphantasien der Menschen in den verschiedenen Epochen lassen sich über die Speise – Wunschzettel der Todgeweihten genau nachvollziehen.
Sie enthalten alles mögliche, wovon der Magen träumte, je nach Gesellschaftszugehörigkeit des Betreffenden.
Der gemeinsame richterliche Nenner dafür war immer und überall vorhanden:
Die arme Seele sollte noch rasch beruhigt werden, ohne ansehen der Person.
Vielleicht war die Justiz ja auch nur um einen Akt der Menschlichkeit bemüht, den der Versüßung der letzten Stunden.
Zudem sollte der Verurteilte, zumindest in historischen Zeiten, und wo Hinrichtungen als Volksfeste galten, optisch bei Kräften sein und eine gute Figur machen.
Oft gingen nämlich der Vollstreckung Wochen im Kerker mit Wasser und Brot voraus.
Ein ursächlicher Grund für die wohlwollende letzte Mahlzeit vor dem gesetzlich bestimmten Zwangstod ist seit Jahrtausenden bewusst oder unbewusst unverändert:
Die Wiedergängerfurcht !
Nämlich die Annahme, dass der Dahingeschiedene wiederkommt und Rache nimmt.
Historisch begegnen wir dieser Idee von der Reinkarnation im asiatischen Raum genauso wie in den Kulturen Ägyptens, Griechenlands, der Römer und Kelten, im Judentum, dem Frühchristentum, der Gnosis und im Islam.
In der Geschichte der offiziellen und nichtoffiziellen Henkersmahlzeiten kam es gelegentlich zu makabren Situationen.
Während Maria Stuart sich vor ihrer Hinrichtung mit einem Glas Wein begnügte, stellte die zum Tode verurteilte Kindermörderin Susanna M. Brandt 1772 eine recht umfangreiche Wunschliste auf: Gerstensuppe, 3 Pfund Bratwürste, 10 Pfund Rindfleisch, 6 Pfund gebackenen Karpfen, 12 Pfund gespickten Kalbsbraten, Konfekt, 2 Hospital – Leibbrote, 8 ½ Maß 1748er Wein und ein Glas Wasser.
Eine verdächtig opulente Bestellung.
Böse Zungen behaupteten später, die beiden anwesendenden Pfarrer hätten die Speisen und den Wein, die Delinquentin das Glas Wasser erhalten.
Übrigens erschütterte einen gewissen J.W. von Goethe die Tat und das Umfeld der Brandt sosehr, dass er sie als Vorbild für sein Gretchen im Faust benutzte.
Glaubhaft überliefert ist die Hinrichtung eines Schurken in den USA 1940, der sich noch auf dem elektrischen Stuhl beim Scharfrichter beschwerte, dass die Henkersmahlzeit am Vorabend, besonders die Suppe, zu heiß gewesen sei.
Aus der Abteilung kommen die Sprüche, die man im Volksmund Galgenhumor nennt.
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R.L.