Kulinarischen Audienz - Reinhard Laemmel
Zum Geburtstag des Königs Albert von Sachsen (April 1893)

"Die beleibten Deutschen, und wer bedauert das dünne Volk ?" - 15.07.2009

In allen Medien wird die Story vom dicken Deutschen immer öfter diskutiert, kommentiert und mit guten Ratschlägen überhäuft. Vom Übergewicht des normalen Bundesbürgers berichteten die Boulevard – Gazetten der alten BRD bereits im Jahr 1952.

Seitdem breitet sich bis heute ein künstlich erzeugter Virus über Deutschland aus – der Erreger der Übergewichtsepidemie. Hinweise zur gesunden Ernährung sind deshalb allgegenwärtig, und eine Diätempfehlung folgt der Anderen.

Zur Information: Im Land der Erfindung der „Light Produkte“, den USA, sind 32 % der Bevölkerung übergewichtig und 34 % gelten als fettleibig.

Körperliche Betätigung sei ein wirkungsvolles Hilfsmittel gegen Übergewicht, probagieren nicht nur die Sportartikelhersteller. Doch Vorsicht ist geboten.

Wer glaubt, irgendwelchen Sport zu betreiben mache drahtig, sehnig, gewand, wendig, letztlich eine elegante Figur in der Gesellschaft oder gar gesund, kann bald einem bösen Irrtum erliegen. Jogging beispielsweise ist für dicke Menschen Gift, weil statt der erhofften Gewichtsabnahme Gelenkschäden drohen.

„Leibesübungen sind Unsinn“ > sagte Henry Ford: Sie sind unnötig, wenn man gesund, und unangebracht, wenn man krank ist. Er traf unwissentlich die Schwachstellen „wissenschaftlicher“ Studien, nämlich den realen gesundheitlichen Nutzen von Körperertüchtigung nachzuweisen. Alles, was sich derzeit mit einiger Sicherheit sagen lässt ist, dass körperlich aktivere Menschen eine höhere Lebenserwartung haben als solche, die in somatische Lethargie verfallen. Aber treiben nun gesunde Menschen generell lieber Sport als kränkelnde Zeitgenossen, oder sind sie gesünder, weil sie Sport treiben?

Die Sportmedizin bot dafür bisher keine schlüssigen Belege an.

Hier kommt nun die Ernährungswissenschaft ins Gespräch. Seltsamerweise hat unsere kulinarische Verpflegung über viele Generationen, genaugenommen über Jahrtausende, bestens funktioniert, und dies ganz ohne Ernährungswissenschaft, ohne Kenntnis über Vitamine, Ballaststoffe, Kohlehydrate, Dick- und Dünnmacher.

Grundsätzlich ist Ernährungswissenschaft nicht negativ belastet, sie hat durchaus ihre Berechtigung. Aber wie man abnimmt und dauerhaft sein „Idealgewicht“ hält, konnte noch kein Ernährungsberater wissenschaftlich fundiert formulieren.

Der Philosoph Platon (427-348/347 v. Chr.) befand, dass die stete Sorge um Gesundheit auch eine Krankheit sein könne.

In vielen historischen Gesellschaften galten beleibte Menschen meist als besonders gesund. Vor allem mollige Frauen stellten ein Fruchtbarkeitssymbol dar und gehörten deshalb zu den Schönheitsidealen. Mehr noch, sie waren schlicht ein Sexsymbol und garantierten für die Existenz der Menschheit ideale körperliche Voraussetzungen.

Heute sind Kalorien- und Fettaugenzähler ständig auf Tour, und der Feldzug gegen fast alles Essbare und die Dicken nimmt bisweilen bizarre Züge an. Es ist wohl auch einfacher, die „Opfer“ zu benennen als die Ursachen herauszufinden.

Eine BRD - Verzehrstudie von 2008 bringt uns die erschütternde Nachricht: 50 % der Frauen und zwei Drittel aller Männer in Deutschland haben keine Modell- Maße.

Das ist nicht nur ein „gesellschaftlicher“ Normverstoß, sondern dicke Zeitgenossen haben in der Praxis leider, und vor allem undemokratisch, auch geringere Startchancen im Leben.

Marius-Müller-Westernhagen hauchte einst ins Studiomikrofon: Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin > dahinter steckt sicherlich eine symbolische Wertung und Wirkung.

Noch schlimmer ist: Das Problem der Dicken wird mittlerweile grundsätzlich für krankhaft erklärt.

Aber in Wirklichkeit befindet sich die Ernährungsberatung in einer Sackgasse.

Übergewicht als gesundheitliches Risiko ist eine genauso vage These wie Schlankheit automatisch mit Fitness gleichzusetzen.

Es gibt keine allgemein gültigen Normen und medizinisch belegbaren Grenzwerte für dünne und dicke Menschen, also für den absolut gesunden Körper. Der optisch ideale Körperbau ist reiner Zeitgeschmack, und ändert sich regelmäßig.

Ausgenommen sind erkennbare Extreme > eine reine Definitionssache.

Sie und ich kennen im Alltag sehr flinke dicke und auch träge dünne Zeitgenossen.

Ein Gewichtheber ist als Skispringer viel zu „fett“ und eine Kunstturnerin wird wohl nie Siege im Kugelstoßen erringen.

Ernährungsberatern müssten sich beispielsweise bei der sogenannten Mittelmeerküche die Haare sträuben.

Die italienische Küche wird allerorten als gesund dargestellt.

Aber: Dort gibt es kein Essen ohne Wein, kaum rohes Gemüse, weißes Brot und natürlich reichlich Olivenöl.

Kinder müssen ans gesunde Essen herangeführt werden. In Italien verdrücken Kinder das, was auch ihre Eltern essen. Die sogenannten Kinderkarten mit Pommes, Majo und Fischstäbchen wurden von der internationalen Pommes Connection eingeführt und werden heute nur hauptsächlich wegen der deutschen Touristen ausgelegt.

Und > Italiener essen pro Jahr viel mehr Fleisch als wir Germanen.

Gleichzeitig erkranken rund ums Mittelmeer nachweislich viel weniger Leute an Krebs, Herzinfarkt und Diabetes.

Der Dichter Lukrez (97 – 55 v. Chr.) meinte: „Was den einen ernährt, bringt den anderen um“.

Jeder Mensch ist ein Individuum und reagiert unterschiedlich. Eine große Rolle spielt die sogenannte Thermogenese, die Wärmeabgabe über die Durchblutung der äußeren Körperregionen. Ist der Körper starker Wärmeeinstrahlung ausgesetzt, reduziert sich die Energieabgabe > an heißen Tagen verspürt man keinen Appetit, umgekehrt tritt das Gegenteil ein. Selbst wenn der Körper ruht, verbraucht er Energie, Grundumsatz genannt. Der ist aber keine feste Größe, nicht einmal bei ein und derselben Person, er schwankt in praxi wie ein Wackelpudding.

Menschen mit hohem Grundumsatz bleiben deshalb auch bei Riesenportionen schlanker als diejenigen mit geringen Grundumsatz, ob sie wollen oder nicht. Daher heißt es im Volksmund: Der eine isst wie ein Scheunendrescher, ohne zuzunehmen, der andere wird schon dick, wenn er nur vom Essen redet.

Niemand wäre vor 2000 Jahren auf die Idee gekommen, alle Menschen mit einem Maßstab und vor allem in eine Gewichts - Ernährungstabelle einzustufen. Diese phantastische Fehlleistung blieb unserem Zeitalter vorbehalten.

Ernährungsaufklärung in den letzten 40 Jahren hat eigentlich nur eines erreicht:

Die Menschen essen in der Regel weiterhin, was sie schon immer gern verzehrten, nur neuerdings mit schlechtem Gewissen.

Übrigens > wer spricht eigentlich über die zu dünnen Kinder. Deren Anteil an der Gesamtbevölkerung nimmt ständig zu, aus vielerlei Gründen. Aber ganz offensichtlich verstellen gesellschaftlich aufgestellte Schlankheitsideale und Modetheorien den Blick auf die Ursachen.

Immerhin führt das Abnehmen zum Erreichen idealer Körpermaße bei jedem 5. Mädchen mit Diätabsichten zu Essstörungen bis hin zur Magersucht.

Unsere Lebensmittelindustrie hat sich auf die „gesunde Ernährung“ längst eingestellt >> übrigens ein Millionengeschäft.

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R.L.