Kulinarischen Audienz - Reinhard Laemmel
Zum Geburtstag des Königs Albert von Sachsen (April 1893)

Tatort Fernsehküche - 12.04.2011

Küchenschlacht, Kochduell oder Topfgeldjäger, mit diesen knalligen Titeln versehen flimmern seit geraumer Zeit regelmäßig exakt durchgestylte TV Kochsendungen über den Bildschirm, mitten ins kuschlige Wohnzimmer der oft kantinengeschädigten Currywurstexperten oder Big Mäc erprobten Nachmittagsfernsehgucker.

Inmitten blitzender high tech Küchengeräte zaubern hochmotivierte und konzentrierte Laien -  Kochkünstlerinnen und Kochkünstler mit Edelprodukten aus Flora und Fauna vor staunenden Zuschaueraugen fantasievolle Gerichte für die Sinne im Oralbereich.
Beim Anblick solcher Leckereien würden wahrscheinlich sogar Kannibalen ihre Essgewohnheiten kurzfristig ändern.
Dagegen wirken Gerichte aus früheren kulinarischen TV Sendungen wie die von Clemens Wilmenrod mit seinem Toast Hawaii, Kurt Drummers „ Der Fernsehkoch empfiehlt “ mit Kreationen wie Schweinskotelett mit Apfel und Bier oder die Schöpfungen deutscher Spitzenköche in „Essen wie Gott in Deutschland“ eher als lasches Manna für Pastorentöchter am Freitag Mittag.
Aber nun wissen wir, die Steigerung von Spitzenkoch ist Fernsehkoch.
Und ein solcher begleitet die Kochamateure jedes Mal mit fachlichem Rat und praktischer Tat. Es ist toll anzusehen, wie die Delinquenten mit japanischen Nakiri oder Santoku Messern bewaffnet, kleinste Schalottenwürfel „schnitzen“oder mit einer Bratpfanne Steaks klopfen (!).
In der Küchenpraxis erhält der Kocheleve für letzteres die Höchststrafe, mindestens aber drei Tage Topfspüle.
Dazu gibt es gratis auserlesenen Tipps und Kniffen aus der geheimnisvollen Welt der Speisenzubereitung.
Erstens erhöht es die Autorität des Experten und zweitens wussten schon die spätbarocken französischen Saucenzauberer: Wer nichts von Alchimie versteht, wird nie ein Koch.
Übrigens Koch war gestern, Food Artist oder Food Designer ist heute.
Am Schluss erscheint jedenfalls meist der Verkoster mit dem absoluten Geschmack.
Jedes Minenspiel des Jurors wird nun vom innerlich aufgewühlten Publikum mit lang anhaltenden, spontanen oder von Animateuren gesteuerten Beifallsbekundungen quittiert.
Immer wenn er auf dem Teller eine Nudel dreht oder die Kruste vom Poulet hebt, das Fischfleisch als glasig gebraten erkennt oder seiner Meinung nach der Risotto nicht ganz schlotzig und trotzdem al dente ist, dann geht ein ehrfürchtiges Raunen durch die Menge.
Das wiederum animiert den Maestro zu einem ungeplanten rhetorischen Infoausflug in die Welt der Gewürze – Curry ist eine Gewürzmischung, Pfeffer gibt es schwarzen und weißen und Lorbeerblätter trugen schon antike griechische Olympiasieger auf dem Haupt.
Mit Medusenblick checkt er die Reaktion des Publikums, dann steht der Sieger fest.
Wäre das alles nur Unterhaltung, könnte man nicht meckern. Respekt vor den Akteuren. Wer jemals vor einer Kamera agiert hat, weiß, das ist nicht nur Schaulaufen. Und was da auf die Teller kommt, ist meist ein kulinarischer Knaller für Amateurverhältnisse. Aber jeder der von solchen Spektakeln für sich ableitet, er müsse nun Koch werden, ist schlecht beraten.
Leider lassen sich aber Schulabgänger immer öfter in ihrer Berufswahl davon beeinflussen. Die Enttäuschung ist groß, wenn sie feststellen, dass hier die nachgekochten und in der Regel  gelungenen Rezepte einiger Freizeit - Fernsehköche mit der professionellen Kochlehre gleichgesetzt werden.
Denn - Profiköche sind in erster Linie Dienstleister. Harte Arbeit, Verantwortung gegenüber dem Gast und ständige Fitness sind Alltag. Den Spaß daran muss man sich erst langfristig erarbeiten, mit überdurchschnittlicher Leistungen, Ausdauer, fachlicher Kompetenz, Selbstdisziplin und stets einem wachen Geist als mentales Rüstzeug.