Kulinarischen Audienz - Reinhard Laemmel
Zum Geburtstag des Königs Albert von Sachsen (April 1893)

Einfach abgeschrieben- der Rezepteklau auf dem Kochbuchmarkt! - 29.05.2015

Nirgendwo, außer vielleicht bei der Anfertigung von Doktorarbeiten, wird mehr abgeschrieben als beim Verfassen von Kochbüchern, und das war schon immer so. Wird man dabei erwischt, kostet es bei Dissertationen mindestens den guten Ruf und eventuell die Aberkennung des akademischen Grades, in anderen Fällen wertet man die Angelegenheit augenzwinkernd als Kavaliersdelikt oder Geschäftstüchtigkeit, und ist die Quelle lange genug tot, fällt es meistens gar nicht mehr auf.

So erging es beispielsweise Henriette Davidis (1801-1876), eine der erfolgreichsten deutschen Kochbuchautorinnen aller Zeiten. Nicht nur ein falsches Geburtsdatum (1800) wurde in ihren Grabstein eingemeißelt, man nahm auch den absichtlich leicht veränderten Namen der Bestsellerautorin als Verfasserangabe für einige Kochbuchneuerscheinungen, um diese besser verkaufen zu können. 1887 brachte der Reutlinger Verlag Enßlin&Laiblin „Die bürgerliche Küche“ heraus, „vermehrt von H. Davithis“, und wenig später ein „Neues und bewährtes illustriertes Kochbuch für alle Stände“, ebenfalls von H. Davithis, in manchen Ausgaben steht auch Davitis. Auf den ersten Blick sollte Davithis/Davitis wie Davidis aussehen, und wer nicht aufpasste merkte zu spät, dass er keine Davidis gekauft hatte. Einen oder eine H. Davithis/Davitis hat es nie gegeben. Es war alles nur ein Marketing-Gag, wofür der Verlag rechtlich nicht zu belangen war. Noch geschäftstüchtiger verhielt sich die Kochbuchautorin Bertha Schneider, deren „Bürgerliches Kochbuch“ von 1895 beim Verlag Eduard Sandmann in Frankfurt/Main auch als „Süddeutsches Kochbuch“, und nacheinander anonym bei verschiedenen Verlagen mit unverändertem Text, nur unter Einfügung einiger angeblich regionaler Gerichte, als „Anhaltinisches, Bonner, Breslauer, Chemnitzer, Coburger, Darmstädter, Dresdner, Düsseldorfer, Elbinger, Genthiner, Giessener, Hallesches, Leipziger, Liegnitzer, Lübeckisches, Mannheimer, Mannsfelder, Neues Flensburger, Neues Graudenzer, Neumünsteraner, Niederlausitzer, Niederrheinisches, Oberhessisches, Potsdamer, Sonneberger, Stargarder, Weimarer, Wiesbadener und Zwickauer Kochbuch“ erschien. Bis heute ist nur wenigen Insidern bekannt, dass diese Kochbücher zwar verschiedene Titel, aber alle den gleichen Inhalt haben. Einen Spitzenplatz unter den Abschreibern nimmt allerdings Frau Maria Sophia Schellhammer ein. Ihr monumentales Werk gehört unbestritten zu den Denkmälern der historischen Kochbuchliteratur. Einerseits, weil es von einer Frau geschrieben wurde, erst der zweiten in der Branche, andererseits, weil es als ein bedeutendes Zeitzeugnis der bürgerlichen Küche im Barockzeitalter gilt. Zwischen 1692 und 1715 erschienen in Braunschweig die ersten 4 Auflagen unter dem Titel „Die wohl-unterwiesene Köchinn“. Die Gesamtauflage von 7000 Exemplaren war bald vergriffen und nicht mehr zu bekommen, berichtet die Autorin in der 5. Auflage, die 1723 anonym als „Das Brandenburgische Kochbuch“ in Berlin folgt. Beigebunden und mit ihrem Namen versehen: „Der wohl-unterwiesenen Köchin zufällige Confect-Tafel“. Ebenfalls in Berlin wird 1732 eine weitere und 1887 die letzte Auflage gedruckt. Neben Koch- und Backrezepten äußert sich die Schellhammerin zur gesunden Ernährung, zur Kücheneinrichtung, über die Festtafeln, über das Anrichten von Speisen und Schaustücken aller Art, den Nachtisch bei Gastereien, verrät wenig bekannte Kunstgriffe und formuliert die Aufgaben der Hausfrau gegenüber dem Gesinde. Im Vorwort an die „geneigten und nach Standes-Gebühr geehrtesten Leser und Leserinnen“ beteuert Frau Schellhammer, dass die Welt ein Kochbuch dieser Art noch nie gesehen habe. Zwei Quellen gibt sie an, ihre eigene Erfahrung und die Übersetzung von La Varennes „Le cuisinier francois“, und sie erwähnt das „Nürnberger Kochbuch“. Doch sonst sei der Entwurf ihres Werkes neu und „nicht etwa hin und wieder aus Büchern zusammengeschmieret, sondern mit guten Verstande und aus beywohnender Wissenschaft an den Tag gegeben“, pures Jägerlatein oder ein faustdickes Ammenmärchen. Was bis heute niemand bemerkte, die Schellhammerin hat schamlos abgeschrieben, ganz bewusst vermutlich, denn sie hätte schließlich die Quelle angeben können. Und die Quelle war das gut 90 Jahre vorher erschienene „New/Kunstreich und Nützliches Kochbuch“ des Johann Deckhardt, gedruckt zu Leipzig 1611. Deckhardt war mindestens seit 1590 „Churfürstlicher Sächsischer Küchenschreiber“ in Dresden, und sein Werk beinhaltet die „nützlichen und seltsamen Speisen und Trachten“, von den Suppen über Fleisch-, Wild-, Geflügel- und Fischgerichte, Torten, Pasteten, der Kranken- und Fastenkost bis zur Beschreibung von Banketten und sonstigen Gastereien. Von Deckhardts Rezepten hat die Schellhammer über 100 nahezu wörtlich in ihr Kochbuch eingefügt. Das Buch des sächsischen Hof-Küchenschreibers war schon damals wahrscheinlich eine Seltenheit. Heute ist es nur noch in einigen Privatsammlungen und wenigen Bibliotheken zu finden. Die SLUB Dresden meldet den Deckhardt als Kriegsverlust, besitzt aber das handschriftliche Manuskript, wie ich im Juni 2014 bei einer Recherche für Schlösserland Sachsen, Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Dresden, im Archiv der SLUB herausfand. Reinhard Lämmel