Kulinarischen Audienz - Reinhard Laemmel
Zum Geburtstag des Königs Albert von Sachsen (April 1893)

Waldmeisterbowle, Inbegriff von Frühlingsluft und Frühlingsduft! - 02.05.2015

Eine alte Winzerregel besagt, wenn zu Urbani am 25. Mai die Sonne scheint, kann man getrost auf ein gutes Weinjahr hoffen.

Eine alte Winzerregel besagt, wenn zu Urbani am 25. Mai die Sonne scheint, kann man getrost auf ein gutes Weinjahr hoffen. Im Mai ist aber auch die Zeit reif, den saftig grün aussehenden Waldmeister unter den Buchen einzusammeln und Waldmeisterbowle anzusetzen. Wenn man Blätter und Stängel antrocknet, entfaltet sich ein unwiderstehlicher Wohlgeruch, der vom Cumarin stammt, das sich beim Verwelken der Pflanze bildet und für das Odeur verantwortlich ist. Zusammen sind weißer Wein und Waldmeister unschlagbare Boten des Frühlings, der Frühlingstrank schlechthin. Waldmeister wird im Volksmund auch Herzerfreuli, Leber- oder Gliederkraut oder Halskräutlein genannt, alles Hinweise auf die heilende Kraft des Gewächses als Arzneipflanze. Aber Cumarin ist auch eine Droge. Bereits das Schlafen auf Heu, in dem sich cumarinhaltige Pflanzen wie Waldmeister oder Steinklee befinden, kann zu heftigen Kopfschmerzen führen. Doch wer schläft schon heute noch im Heu? Unsere Vorfahren wussten aber darüber Bescheid. Sie legten sich Waldmeisterbüschel in die Wäschetruhe, um die Motten fernzuhalten, oder nagelten sich zu den Frühlingsfesten Waldmeisterkraut an die Eingangstür ihrer Katen, um die bösen Geister zu vertreiben. Vor allem aber würzte man das Alltagsbier damit, oder den Wein vom Vorjahr. Erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nannte man das Getränk Waldmeisterbowle, vorher Waldmeisterwein. Die erste Erwähnung des Waldmeisterweines geht auf das Jahr 854 zurück und stammt von dem Benediktinermönch Wandalbertus aus Prüm in der Eifel. Die Idee der Zubereitung solcher Würzweine kam wohl mit den alten Römern über die Alpen. Sie aromatisierten ihren Wein mit Veilchenblüten oder Rosenblättern und Honig, Waldmeister war ihnen unbekannt. Hauptsächlich in den Kräutergärten der Benediktiner wurde das Kraut angebaut und sie waren es auch, die das Getränk verbreiteten. Denn die Mai- oder Waldmeisterbowle wird im Ausland nur in wenigen Gegenden zubereitet und gilt noch heute allgemein als deutsche Spezialität. Waldmeisterbowle ist nichts anderes als mit Cumarin parfümierter Weißwein, trotzdem wird bei falscher Machart eine grauenhafte alkoholische Grassuppe daraus. Ob die Waldmeisterbowle etwas mit der für ihre Gemütlichkeit verrufenen königlich-sächsische „Volksarmee“ Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun hat, kann nur vermutet werden. Kurios ist nämlich, dass man ausgerechnet in einem 1900 erschienen militärischen Handbuch mit Rezepten zur Bereitung alkoholischer Getränke „Für den Manöver- und Feldgebrauch für alle deutschen Armeen“ die Anleitung zur Herstellung von Waldmeisterbowle findet, zusammengestellt vom 2. Sächsischen Feldartillerie-Regiment Nr. 28.: „Man lege mehrere Bündel noch nicht blühenden Waldmeisters mit den Köpfen der Stängel nach innen auf ein flaches Sieb und gieße zwei bis drei Flaschen leichten Moselwein ganz langsam so darüber, dass nur die Blätter, nicht die unteren Teile der Stiele, ausgelaugt werden; man wiederhole das Durchgießen je nach Geschmack und füge dann eine Flasche guten, schweren Rheinwein hinzu.

(Kein Zucker, nicht zu kalt servieren).“ Na dann Prosit Kameraden, kein schlechtes Zielwasser! Heute empfiehlt man neben dem Waldmeisterkraut noch einige Erdbeer- und Johannisbeerblätter sowie Zitronenschale mit dem Wein zu übergießen.